Im Gespräch

„Basisarbeiter müssen Karriere machen können“

Sie bringen die Pizza, räumen Regale ein oder reinigen das Büro: Menschen, die in Basisarbeit beschäftigt sind, spielen in der Pandemie eine besondere Rolle und bleiben doch vielfach Außenseiter. In einer Dialogreihe des Bundesarbeitsministerium (BMAS) diskutieren Expertinnen und Experten darüber, wie die Arbeitsbedingungen an der Basis deutlich verbessert werden können. Am 10. Juni 2021 gibt es von 15 bis 18 Uhr zum Thema Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit an der Basis eine Diskussion und einen Impulsvortrag von Dr. Christian Felten, Geschäftsführer der Basi. Dr. Marc Bovenschulte vom Institut für Innovation und Technik (IIT) hat sich gemeinsam mit seinen Kollegen Robert Peters und Klaus Burmeister aus Sicht der Vorausschau mit dem Thema Basisarbeit befasst. Aus dieser Perspektive erklärt er im Basi Interview, wie sich Basisarbeit in Zukunft ändern sollte.

Was bedeutet eigentlich Basisarbeit?

Bisher gab es für diese Arbeit verschiedene Begriffe. Man sprach von Einfacharbeit, von systemrelevanter Arbeit und es gibt auch deutliche Überlappungen zum so genannten Niedriglohnsektor. Die Schnittmenge all dessen scheint die Basisarbeit in all ihrer Vielfalt abzubilden. Mit der Bezeichnung Basisarbeit können sich diejenigen, die sie ausführen, auch recht gut identifizieren – positiv gesprochen bilden sie die Basis, auf die man bauen kann. Basisarbeit ist also ziemlich genau das Gegenteil von sogenannten „Bullshit-Jobs“. Letzteres sind gutbezahlte, aber weitgehend sinnlose Tätigkeiten, deren Fehlen niemandem auffallen würde.

Wer verrichtet sie? Oder in welchen Branchen ist sie besonders verbreitet?

Mit Basisarbeit sind im Regelfall un- und angelernte Tätigkeiten gemeint, die in den verschiedensten Bereichen verrichtet werden können. Mehr als ein Fünftel aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer üben solche Tätigkeiten aus – denken Sie an Pflegehelferinnen und Pflegehelfer, Lageristinnen und Lageristen, Kellnerinnen und Kellner in der Gastronomie, Menschen im Reinigungs- oder beim Pizzalieferdienst. Erntehelferinnen und -helfer zählen dazu. Aber auch bei Autoherstellern werden oft zweistellige Prozentzahlen der Arbeit an der Basis händisch erledigt; hier heißen diese Tätigkeiten bisher Einfacharbeit.

Warum rückt sie derzeit besonders ins Bewusstsein?

Die Pandemie hat uns gezeigt, dass es vielfach diese Menschen sind, die dafür sorgen, dass unser System funktioniert. Sie sind ja immer da, aber nun fallen sie besonders auf – wenn zum Beispiel die Straßen menschenleer sind und nur Lieferdienstfahrer durch die Stadt radeln. Wir haben auch erlebt, dass auf Balkonen für Pflegemitarbeitende geklatscht wird. Das ist auch gut und schön, hilft den Betreffenden aber nicht dabei, Stabilität in ihr Leben zu bekommen – zum Beispiel durch eine vernünftige Bezahlung.

Wie entwickelt sich Basisarbeit in Zeiten der Digitalisierung?

Wir haben uns bei unserer Analyse am Institut für Innovation und Technik gefragt, ob es Basisarbeit in diesen Zeiten und somit also zukünftig weiterhin geben wird. Sicher werden robotische Systeme manchen Mitarbeitenden im Lager oder im Reinigungsgewerbe ersetzen. Doch bleiben wir beim Thema Reinigung: Roboter werden auf absehbare Zeit und zu vertretbaren Kosten nicht in der Lage sein, zwischen Tischen und Stühlen zu reinigen, die unterschiedlichen Böden oder sonstige Gegebenheiten im Büro zu erkennen. Wenn da zum Beispiel ein Karton steht – soll der stehen bleiben oder kann er weg? Das werden auch in Zukunft Reinigungskräfte entscheiden und erledigen, davon gehen wir aus. In vielen Bereichen lohnt es sich zudem gar nicht, in aufwändige Technik zu investieren statt Basisarbeiter zu beschäftigen. Das gilt zum Beispiel dann, wenn es variabel und variantenreich zugeht und keine großen Stückzahlen oder Volumina erreicht werden. Wir werden somit wohl auch in Zukunft Menschen sehen, die im Supermarkt die Regale bestücken. Denn Roboter, die schwere Kisten durch die Gegend wuchten und ebenso gut im Wortsinne rohe Eier einsortieren können, sind technisch ausgesprochen anspruchsvoll und entsprechend teuer. Zugleich entstehen im Zuge der Digitalisierung neue Jobs für Basisarbeit wie zum Beispiel durch die E-Scooter, die ja an verschiedenen Stellen wieder eingesammelt und flott gemacht werden müssen. Oder nehmen Sie die Tätigkeit der Clickworker, die am Bildschirm Preise und Bilder vergleichen müssen.

Welche Probleme für die Beschäftigten stehen dabei im Vordergrund?

Vor allem geht es um die als unzureichend wahrgenommene gesellschaftliche Anerkennung und – Stichwort Niedriglohnsektor – den geringen Verdienst; qualitative Untersuchungen dazu deuten auf eine resignative Zufriedenheit als Grundstimmung hin. Basisarbeitende sehen sich zwar nicht am Rande der Arbeitsgesellschaft, sondern schon als zugehörig an. Doch es herrscht die Meinung: Wir machen die Arbeit, aber keine Karriere. Für einen Arbeiter am Band, der immer dieselben Handgriffe erledigt, ist diese mangelnde Perspektive ermüdend.

Welche politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um Lösungen zu finden?

An erster Stelle steht die Notwendigkeit, neue Strukturen – zum Beispiel im Tarifgefüge – zu schaffen, damit Basisarbeitern ein Aufstieg ermöglicht wird. Basisarbeit ist ohne Frage ehrenwert und definitiv kein Makel. Aber für diejenigen, die nicht für immer Basisarbeit verrichten wollen, darf sie keine Sackgasse sein. Wer einer Routinetätigkeit nachgeht, etwa als Pförtner, muss sich niedrigschwellig weiterbilden können. Denn er hat in der Regel eine Reihe von Fähigkeiten, die in seinem Basisjob gar nicht gefordert werden oder gefragt sind. Was für eine Verschwendung! Für den Ausbau der Fähig- und Fertigkeiten sollte es Basisarbeitenden möglich sein, ihre Kenntnisse – egal ob formal oder informell erworben – anerkennen zu lassen und auf diesem Weg Zertifikate als Fähigkeitsnachweise erwerben zu können. Durch eine zu erwartende Modularisierung von Aus- und Weiterbildung hätten auf diese Weise auch Basisarbeitende die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und beruflich aufzusteigen.

Sie haben für eine Dialogreihe Trends herausgearbeitet, die zeigen, wie es bis 2040 mit der Basisarbeit weitergehen kann. Welche sind das?

Laut Projektion des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) werden in den kommenden zehn bis 15 Jahren durch die Digitalisierung zum einen rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen – zum anderen entstehen aber voraussichtlich neue Arbeitsplätze in ähnlicher Größenordnung. Allerdings wird es eine hohe Dynamik bei der Verschiebung von Qualifikationsprofilen geben, die sich zudem regional sehr unterschiedlich ausprägen können.

Zugleich führt das Älterwerden der Erwerbsbevölkerung zu einem Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften: Ausgehend von 51,8 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter im Jahr 2018 wird die Zahl der Menschen zwischen 18 und 66 Jahren in Deutschland bis zum Jahr 2035 um rund vier bis sechs Millionen schrumpfen. Ohne Nettozuwanderung dürfte sich gemäß Vorausberechnung die Erwerbsbevölkerung bis zum Jahr 2035 sogar um rund neun Millionen Menschen verringern. Der Bedarf lässt sich also nur zum Teil durch Zuwanderung decken. Das heißt, der Druck zur Öffnung des Systems für Quereinsteiger, etwa für Arbeitskräfte ohne Schulabschluss, die auf anderen Wegen als den bekannten qualifiziert werden, wird steigen.

Das ist ein differenzierter Prozess, sicher gibt es darin auch regionale Unterschiede – aber grundsätzlich sehe ich eine große Chance für Basisarbeiter, durch Quereinstiege und sektorale Übergänge aus ihrer Situation herauszukommen. Zurzeit werden sie bereits mehr beachtet als je zuvor, der nächste Schritt muss eine existenzsichernde Bezahlung sein. Insgesamt besteht aus meiner Sicht die Möglichkeit, innerhalb einer so genannten „industrial citizenship“ in neue tarifliche Strukturen eingebunden zu werden und als voll etablierte Arbeitsbürger Rechte zu bekommen, aber auch Pflichten im Sinne eines am Wohl der Gemeinschaft ausgerichteten Handelns erfüllen zu müssen. Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn die Basisarbeitenden es schaffen würden, branchenübergreifend und trotz der enormen Vielfalt der Tätigkeiten und Branchen ein Wir-Gefühl zu entwickeln – früher sprach man wohl vom gemeinsamen Bewusstsein. So könnten sie selbstbewusst auftreten und verhandeln. Dazu gehört meines Erachtens die Notwendigkeit einer neuen Diskussion über die Erhöhung von Niedriglöhnen. Existenzsicherung auch im Ruhestand muss hier die Prämisse sein.

Inwiefern trägt die Dialogreihe zur Basisarbeit zur weiteren Entwicklung der Basisarbeit bei? 

Innerhalb der Dialogreihe mit Fachleuten blickt das Bundesarbeitsministerium nicht bedauernd auf Basisarbeiter, sondern will sie beteiligen und hervorheben. Auf diese Weise erhöht sich die Chance, dass das Thema aus der Fachgemeinde heraus an Multiplikatoren in Medien oder an die Sozialpartner herangetragen wird. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, auf die Menschen hinter der Basisarbeit und auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Und auch wenn es kein Selbstläufer ist: Die Chancen stehen gut, Basisarbeit aufzuwerten – trotz oder gerade wegen der Digitalisierung.

Mehr Informationen 
In der Dialogreihe „Basisarbeit – Mittendrin und außen vor“ gibt es virtuelle und hybride Veranstaltungen. Interessierte sind eingeladen, sich zu informieren und mitzudiskutieren. Informationen zur Veranstaltungsreihe gibt es auf der „Dialogplattform Basisarbeit“ und auf der Basi-Website. Bei der interaktiven Veranstaltung am Donnerstag, 10. Juni 2021 von 15 bis 18 Uhr geht es um das Thema „Sichere und gesunde Arbeitsbedingungen“ – mit  Dr. Christian Felten, Geschäftsführer der Basi.

Dr. Marc Bovenschulte
Dr. Marc Bovenschulte, Jahrgang 1967, ist promovierter Biologe. Er leitet im VDI/VDE-IT (Projektträger sowie Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen u.a. für verschiedene Ministerien) die Bereiche Demografischer Wandel und Zukunftsforschung. Darüber gehört Dr. Marc Bovenschulte seit 2013 der Leitung des iit (Institut für Innovation + Technik GmbH) an. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Technikvorausschau, Foresight und Trendscouting; Innovationsfähigkeit im demografischen Wandel; Wechselwirkungen zwischen regionalen und Wertschöpfungsstrukturen sowie die Analyse von Innovationsprozessen und -systemen, ein geografischer Schwerpunkt ist für ihn dabei Lateinamerika.