Im Gespräch

Die Vorsitzenden des Basi-Vorstandes über künftige Herausforderungen und Schlüsselerlebnisse

Zum Jahresausklang blicken die Vorsitzenden des Basi-Vorstandes, Saskia Osing und Dr. Sebastian Schneider, auf bewegte Zeiten und in das A+A Jahr 2023. Im Doppel-Interview geht es um Schlüsselerlebnisse, Herausforderungen und viele aktuelle Themen rund um Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit.

Können Sie ein Schlüsselerlebnis schildern, das Ihnen die Bedeutung von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit vor Augen geführt hat? 

Osing: Blickt man in die jüngere Vergangenheit und sicherlich auch in die Zukunft, ist ein Schlüsselerlebnis die Corona-Pandemie und der Schutz der Beschäftigten vor Infektionen. Beides haben die Unternehmen mit großem Engagement, schnellem Reagieren und viel Verantwortung erfolgreich bewältigt. Dadurch ist das Arbeiten vor Ort in den meisten Fällen eine sichere Angelegenheit gewesen. Auch die Impfkampagne ist als Erfolg zu werten: Die Wirtschaft hat mit ihren Betriebsärzten und Betriebsärztinnen durch die Beteiligung an der staatlichen Impfkampagne und die besonders hohe Impfquote bei den Beschäftigten einen wesentlichen Beitrag zum deren Gesundheitsschutz und zur Durchimpfung der Bevölkerung geleistet.

Schneider: Die Corona-Pandemie war das prägendste Ereignis der letzten Jahre. Sie hat deutlich gemacht, wie wichtig der Arbeits- und Gesundheitsschutz bei der Bekämpfung einer solchen Pandemie ist. Unternehmen, in denen der Arbeitsschutz unter Beteiligung aller betroffenen Akteure gut organisiert ist, waren auch in der Lage, die Beschäftigten schnell und gut zu schützen und den Betrieb aufrechtzuerhalten. Zudem haben wir es hierzulande dank der konstruktiven und aktiven Mitwirkung der Gewerkschaften geschafft, rasch wirkungsvolle Regeln und praktische Handlungshilfen zu entwickeln.

Welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen im Bereich Arbeitsschutz sehen Sie derzeit als vordringlich für den Basi-Vorstand an?

Osing: Kleinst- und Kleinbetriebe (KKU) haben häufig mit zu hohen und zu komplexen bürokratischen Anforderungen im Arbeitsschutz zu kämpfen. Da braucht es in jedem Falle eine bessere Betreuung und Unterstützung von KKU. Ein Dauerbrenner bleibt weiterhin die Digitalisierung, vor allem die Themen mobile Arbeit und künstliche Intelligenz. Dabei dürfen wir Innovationen und gute betriebliche Lösungen nicht durch zu starre und zu strenge Arbeitsschutzvorschriften ausbremsen oder gar verhindern. Stattdessen brauchen wir praktikable Hilfestellungen für die Unternehmen, die es erlauben, Arbeitsschutz und Wertschöpfung zusammenzulegen. Davon profitieren am Ende alle: Wirtschaft, Politik und Beschäftigte. Und hierbei können die unterschiedlichen Akteure, die sich im Rahmen der Basi engagieren, einen wichtigen Beitrag leisten.

Schneider: Wir haben hierzulande in vielen Bereichen ein gutes Regelwerk, dieses muss aber auch umgesetzt und seine Anwendung regelmäßig überprüft werden, unabhängig davon, ob der Arbeitsplatz mobil ist oder sich im Betrieb oder zu Hause befindet. Der Anspruch auf gesunde und sichere Arbeit ist dabei keine Frage der Wirtschaftlichkeit, sondern ein unveräußerliches Grundrecht. Es ist daher unverändert von besonderer Bedeutung, dass die Beschäftigten im Rahmen der Mitbestimmung umfassend in die Gestaltung des Arbeitsschutzes einbezogen werden.
Klar ist jedoch auch: Die Arbeitswelt ist im stetigen Wandel und es entstehen neue Gefährdungen. Deswegen ist es notwendig, zu reflektieren, wo und wie das Arbeitsschutzregelwerk verbessert werden muss. Die Digitalisierung bietet hier innovative Möglichkeiten, diese dürfen aber nicht dazu führen, dass das Arbeitsschutzniveau sinkt. Der Meinungs- und Informationsaustausch im Rahmen der Basi leistet hier einen wichtigen Beitrag.

Was wird die Zukunft im Hinblick auf den Arbeitsschutz Ihrer Meinung nach mit sich bringen?

Osing: Wir spielen in Deutschland im internationalen Vergleich in der oberen Arbeitsschutz-Liga. In deutschen Unternehmen finden Beschäftigte hervorragende Arbeitsbedingungen vor. Dennoch können wir noch Potenziale ausschöpfen. Hilfestellung bieten dabei Arbeitsschutzvorschriften, die so ausgestaltet sind, dass sie praktikabel umgesetzt werden können. Gleiches gilt für die Kooperation der inner- und außerbetrieblichen Arbeitsschutzakteure: Mehr Unterstützung und Beratung bei der Bewältigung der Herausforderungen und dafür weniger Formalismus würden einen echten Mehrwert für Unternehmen schaffen. Vielleicht kann auch hier die Digitalisierung zu einer Vereinfachung führen, wie beispielsweise in der Telemedizin. Digitale Tools könnten auch die Kooperation der Unternehmen mit den Aufsichtsbehörden vereinfachen. Tatsache ist: Arbeitsschutz geht heute und in Zukunft nur gemeinsam. Dabei gewinnt die Eigenverantwortung der Beschäftigten eine immer größere Bedeutung. Es wird in Zukunft immer wichtiger, dass Beschäftigte über gute Arbeitsgestaltungs- und Gesundheitskompetenzen verfügen.

Schneider: Die Gefährdungsbeurteilung ist unser wichtigstes Werkzeug für den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Dessen konsequente Anwendung, auch auf zukünftige Herausforderungen, gilt es stets zu verbessern und durchzusetzen. Deutschland liegt bei den Gefährdungsbeurteilungen leider unter dem europäischen Durchschnitt, obwohl dem Vorschriften- und Regelwerk immer eine gute Verständlichkeit bescheinigt wird. Beispielsweise sind psychische Belastungen seit 2013 in der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen, dies wird aber längst nicht ausreichend umgesetzt. Hier bedarf es endlich verbindlicher Regelungen, anhand derer sich der ganzheitliche Prozess der Gefährdungsbeurteilung gut umsetzen lässt.
Auch unter den Bedingungen des Klimawandels und den Auswirkungen der Digitalisierung muss gewährleistet sein, dass die Menschen sichere und menschenwürdige Arbeitsplätze haben und gesund von der Arbeit nach Hause kommen. Die Verantwortung für gesunde und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen liegt unteilbar beim Arbeitgeber. Er steht dafür in der Haftung, er kann und darf dies nicht auf die Beschäftigten wegdelegieren.

Auf welche Themen freuen Sie sich besonders, wenn Sie an den A+A Kongress 2023 denken?

Osing: Ach, da wird es so viele spannende und interessante Themen auf dem A+A Kongress 2023 geben. Aber Digitalisierung und neue Arbeitswelten sind sicherlich wichtige Zukunftsthemen für die Arbeitgeber.

Schneider: Der A+A Kongress nächstes Jahr wird auch unter dem Eindruck der oben schlagwortartig benannten Megatrends stehen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben und noch erleben werden. Ich bin überzeugt, dass sich hierzu im Rahmen des A+A Kongresses viele interessante Diskussionen ergeben werden.

Das sind die Vorstandsvorsitzenden der Basi:

Saskia Osing

Rechtsanwältin, Stellvertretende Abteilungsleiterin Abteilung Soziale Sicherung

  • 1991 – 1996 Studium der Rechtswissenschaften in Marburg
  • 1996 – 1999 Rechtsreferendariat beim OLG Düsseldorf

  • 4/1999 – 4/2011 Referentin für Arbeitsschutz und Unfallversicherungsrecht, Abteilung Soziale Sicherung, BDA
  • seit 4/2011 Stellvertretende Abteilungsleiterin der Abteilung Soziale Sicherung,
  • seit Sozialwahlen 2011 Arbeitgebervertreterin im Vorstand der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) sowie im Vorstand der Deutschen Gesetzlichen     Unfallversicherung (DGUV)

Dr. Sebastian Schneider

Referat für Prävention, gesetzliche Unfallversicherung und europäische Arbeitsschutzpolitik
Deutscher Gewerkschaftsbund, Bundesvorstandsverwaltung, Abteilung Sozialpolitik

  • Seit 2022 Referat für Prävention, gesetzliche Unfallversicherung und europäische Arbeitsschutzpolitik
  • 2015 – 2021 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, DFG-Forschungsprojekt „Troika-Schuldner-Verhandlungen in der Eurozone“, Freie Universität Berlin und FernUniversität Hagen

  • 2014 – 2021  Promotion, Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin

  • 2011 – 2014  Master of Arts, Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin

  • 2008 – 2011 Contract Manager, 118000 AG, München

  • 2005 – 2008 Bachelor of Arts, Politik- und Verwaltungswissenschaften, Zeppelin Universität Friedrichshafen