Im Gespräch

Arbeitsschutz in Europa: „Wir brauchen Visionen und konkrete Ziele“

Die Vorschriften und Programme der Europäischen Union sind die Grundlage für den Arbeitsschutz in allen Ländern der EU. Was das bedeutet und vor welchen Herausforderungen die europäischen Arbeitsschutz-Professionals aktuell stehen, darüber spricht Dr. Christa Sedlatschek im Basi-Interview. Dr. Sedlatschek ist seit 2011 Direktorin der EU-OSHA (Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz). Sie studierte Medizin an der Universität Wien und ist Fachärztin für Arbeitsmedizin. Beim A+A Kongress hält sie die Keynote bei der Veranstaltung zur Zukunft des Arbeitsschutzes in Europa am 7.11.2019, 13:00 –15:00 Uhr.

Durch die gemeinsame europäische Arbeitsschutzstrategie wurde das Arbeitsschutzsystem in den Ländern weiterentwickelt und die praktische Angleichung der Arbeitsbedingungen vorangetrieben. Welche Schwerpunkte verfolgt die Strategie?

Die europäische Arbeitsschutzstrategie existiert seit 2014 und läuft 2020 aus. Seit sie in Kraft getreten ist, übt sie einen enorm positiven Einfluss auf die Nationalstaaten aus. Diese haben ihre eigenen Ziele im Arbeitsschutz daran ausgerichtet. Drei Ziele sind besonders wichtig:

1.         Die prinzipielle Umsetzung der Arbeitsschutzgesetzgebung, wobei vor allem Klein- und Kleinstunternehmen in den Fokus genommen werden.

2.         Die Prävention vor arbeitsbezogenen Erkrankungen – die Zahl derjenigen, die daran sterben, beläuft sich in Europa immer noch auf rund 160.000 pro Jahr.

3.         Der demografische Wandel und dessen Berücksichtigung beim Arbeitsschutz.

Fast alle Nationalstaaten haben diese Punkte in ähnlicher Form in ihre Strategien aufgenommen. Deshalb ist es so wichtig, die europäische Arbeitsschutzstrategie ab 2020 fortzuschreiben – die Nationalstaaten erwarten, dass die Diskussionen zu einer neuen EU-Arbeitssschutzstrategie möglichst bald starten.

Bitte nennen Sie positive Beispiele für die Umsetzung der Strategie aus den letzten Jahren.

In Deutschland wurde beispielsweise die Umsetzung der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie GDA (www.gda-portal.de) gesetzlich geregelt. Auch die Evaluierung wurde damit geregelt, die wichtige Hinweise auf einen Handlungsbedarf liefert. Beispiel: Während der Evaluierung wurde überprüft, ob mehr Unternehmen inzwischen Gefährdungsbeurteilungen durchführen. Das Ergebnis: Es sind immer noch zu wenige – und das wiederum bedeutet, hier muss es noch mehr Unterstützung und Angebote, vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), geben. Aber auch in anderen Ländern gibt es seit vielen Jahren eine gute gesetzliche Basis, oftmals auch erst durch die Europäische Arbeitsschutzstrategie in Gang gebracht.

Welche Herausforderungen muss der europäische Arbeitsschutz vor dem Hintergrund  des tief greifenden Wandels der Arbeitswelt – vor allem durch die digitale Transformation – meistern?

Die Digitalisierung in all ihren Ausprägungen und Formen stellt uns vor eine Reihe von Herausforderungen – es entstehen sehr schnell komplett neue Arbeitsformen  und -technologien und wir laufen teilweise den Entwicklungen hinterher. Am Beispiel crowdworking sehen wir, dass einige Aspekte noch völlig unklar sind: Menschen aus der ganzen Welt arbeiten über eine Internetplattform zusammen, ohne einander zu kennen oder sich je zu sehen. Welchen Effekt hat dieses „isolierte“ Arbeiten auf die Menschen? Oder die Künstliche Intelligenz. Roboter können sehr hilfreich sein, sie können den Menschen schwere körperliche Arbeit oder Arbeit mit toxischen Substanzen abnehmen und damit Gesundheitsgefahren für die Beschäftigten vermeiden. Doch was bedeuten diese Entwicklungen für den Arbeitsplatz insgesamt, in positiver wie negativer Hinsicht? Zur Digitalisierung gibt es erste Studien, die positive aber auch potenziell negative Auswirkungen auf die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten aufzeigen. Diese Erkenntnisse sind aber bei Weitem nicht ausreichend, wir müssen noch mehr und rasch Studien auf den Weg bringen, um weitere Erkenntnisse in naher Zukunft zu erhalten. Dies geschieht bereits seit einigen Jahren in EU-OSHA mit unseren Foresight-Studien.

Wie und an welchen Stellen wirkt sich die Krise der europäischen Union u. a. durch den Brexit besonders aus?

Im Detail ist das noch nicht wirklich klar. Aber wir wissen jetzt bereits, dass das Budget für EU-OSHA in Zukunft geringer ausfallen wird. Im Arbeitsschutz verlieren wir einen guten Partner sowie ein wichtiges, innovatives Mitgliedsland, in dem wir bisher gute Kontakte zu den Arbeitsschutzbehörden und Universitäten unterhalten haben. Das heißt, durch den Brexit geht uns auch Expertise verloren.

Die Rolle und Bedeutung der Arbeitsschutz-Professionals haben innerhalb der EU, ihrer Organisationen und Netzwerke in Europa stark zugenommen. Bitte beschreiben Sie die neue Rolle der Arbeitsschutz-Professionals in Europa.

Eine wichtige Erkenntnis in diesem Zusammenhang lautet: Der Wandel bleibt stabil – und er vollzieht sich in der Arbeitswelt immer schneller. Die Akteure im Arbeitsschutz müssen sich daher auch rascher an die neuen Gegebenheiten anpassen und sich zum Beispiel mit den unterschiedlichen neuen Technologien auseinandersetzen. Ausbildungsgänge müssen adaptiert werden. Eine große Herausforderung ist auch der Umgang mit den steigenden Zahlen psychosozialer Erkrankungen. In diesem Zusammenhang sollten die Arbeitsschutz-Professionals überlegen, wie sie Unternehmen bei der Prävention dieser arbeitsbedingten Erkrankungen unterstützen können. Ein großes Thema ist auch die Diversität von Belegschaften: es gibt immer mehr ältere und weibliche Beschäftigte sowie Menschen mit Migrationshintergrund, die unterschiedlichen Risiken ausgesetzt sind, oder auch andere Ansprüche haben. Diese Unterschiede sollten entsprechend in eine Gefährdungsbeurteilung miteinbezogen werden. Dafür benötigen die Arbeitsschutz-Professionals eine andere/bessere  Ausbildung, auch im Bezug auf „soft skills“. Um den Wissens- und Erfahrungsaustausch zu fördern, sollten sich alle, die im Arbeitsschutz tätig sind, regelmäßig treffen, sich miteinander vernetzen und untereinander austauschen. Die A+A Fachmesse und der A+A Kongress bilden dafür eine wunderbare Plattform.

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich von der Diskussion dieser Themen und der Veranstaltung der europäischen Netzwerke beim A+A Kongress 2019?

Mir ist es vor allem wichtig, mich mit möglichst vielen, die im Arbeitsschutz in Europa aktiv sind, zu treffen. Ich möchte Kontakte pflegen und knüpfen, an den Erfahrungen der anderen teilhaben und hören, wie sie mit der Digitalisierung, der Vermeidung von berufsbedingten Erkrankungen und anderen aktuellen Aufgaben umgehen. Darüber sollte in den Netzwerken diskutiert werden, damit wir voneinander profitieren. Aber als EU-OSHA wollen wir ja auch wissen, welche Bedürfnisse es innerhalb der Netzwerke gibt – damit wir zum Beispiel entsprechend hilfreiche Studien initiieren können.