Ergonomisch unzureichend gestaltete Medizinprodukte beeinträchtigen die Qualität und Sicherheit medizinischer Arbeitsabläufe. Sie führen zu einer reduzierten Versorgungsleistung und verursachen zusätzliche Kosten im Gesundheitswesen. Für Mitarbeitende ist der Umgang mit ergonomisch schlecht gestalteten Medizinprodukten mit erhöhten physischen oder psychischen Belastungen verbunden. Da diese Geräte meist über viele Jahre eingesetzt werden, liegen latente Fehlbelastungen vor, die zu einer Beeinträchtigung der Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten führen. Zur Erhöhung der Anzahl ergonomisch gestalteter Medizinprodukte in Einrichtungen des Gesundheitswesens sollen Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen bei der Auswahl und Beschaffung unterstützt werden. Dazu hat die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) das Vorgehen „BGW test“ entwickelt. In vergleichenden Produkttests - vergleichbar zum Vorgehen der „Stiftung Warentest“ - werden Medizinprodukte von Anwendern und Sicherheitsexperten auf ihre Gebrauchstauglichkeit geprüft und bewertet. Die Ergebnisse stehen Gesundheitseinrichtungen in Form von Testberichten frei zur Verfügung und werden der Fachöffentlichkeit z.B. auf Kongressen vermittelt. Die Session „Medizinprodukte im BGW test “ stellt das Vorgehen und die Ergebnisse verschiedener Produkttests vor.
Zielgruppen: Fachkraft für Arbeitssicherheit, Einkauf/Beschaffung, Betriebs- und Personalrat, Management, Führung
Zur besseren Lesbarkeit wird im Text auf die gleichzeitige Nennung aller Geschlechter verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten selbstverständlich für alle Geschlechter gleichermaßen.
16:30 Uhr
Begrüßung und Einführung
16:35 Uhr
Medizinprodukte im BGW test – Idee und Vorgehen
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Autor:in:
Lorenz Müller | Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) | Germany
Schlecht gestaltete Medizinprodukte können die Arbeitsabläufe in Gesundheitseinrichtungen erheblich beeinträchtigen. Die Folge sind zusätzliche physische und psychische Belastungen für das medizinische Personal.
Um diese vermeidbaren Belastungen zu reduzieren, führt die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) vergleichende Produkttests zur Gebrauchstauglichkeit von Medizinprodukten durch. Die Ergebnisse werden frei zugänglich veröffentlicht (www.bgw-online.de/test).
Für Einrichtungen im Gesundheitswesen bieten die Testergebnisse eine unabhängige und praxisnahe Orientierungshilfe bei der Auswahl geeigneter Produkte. Gleichzeitig erhalten Hersteller konkrete Hinweise zur Optimierung der Ergonomie und Sicherheit ihrer Produkte.
Der Vortrag stellt das Konzept „BGW test“ vor und erläutert, wie ein vergleichender Produkttest geplant und durchgeführt wird.
16:50 Uhr
Sind Krankenhausbetten zu schwer zu ziehen und zu schieben?
Muskel-Skelett-Belastung beim Bewegen von Krankenhausbetten
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Autor:in:
Prof. Dr. Claus Backhaus | FH Münster | Germany
In der vorgestellten Studie werden die Aktions- und Wirbelsäulendruckkräfte beim Bewegen von 12 Krankenhausbetten ermittelt.
Zum Messen der Aktionskräfte bewegen acht Probanden die Betten über einen Testparcours, bei dem die Betten aus einem Zimmer gezogen (Manövrieren), über einen Flur mit einer 90° Kurve geschoben (Schieben) und auf der Stelle um 180° gedreht (Drehen) werden. Die Aktionskräfte werden mit Kraftmessgriffe erfasst und mit den Grenzwerten für Bedienkräfte für medizinische Betten (IEC 60601-2-52) verglichen. Zur Berechnung der Wirbelsäulenbelastung (L5/S1) werden die Körperhaltungen während des Versuchs mit einem Bewegungsanalysesystems aufgezeichnet und das biodynamische Modell „Der Dortmunder“ eingesetzt.
Es wurden mittlere Aktionskräfte von 41,6 (± 5,0) bis 191,1 (± 31,7) N gemessen, die teilweise über den Grenzwerten der IEC 60601-2-52 liegen. Für die Wirbelsäulendruckkräfte wurden Mittelwerte von 1,0 bis 1,5 kN berechnet. Beim Beschleunigen der Betten wurden die biomechanischen Richtwerte für ältere Arbeitnehmer zum Teil überschritten.
Manövrieren und Drehen stellen eine leicht erhöhte bis erhöhte Belastung dar. Das Schieben der Betten führt zu erhöhten bis hohen Belastungen. Kraftbetriebene Bettentransportsysteme wie Bettentransporter oder Motorrollen sollten besonders bei längeren Transportwegen eingesetzt werden, um die Belastungen für die Beschäftigten
17:05 Uhr
Wie stark entlasten Bed Mover beim Ziehen und Schieben von Krankenhausbetten?
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Autor:in:
Dr. Niels Hinricher | FH Münster | Germany
Krankenhausbetten zählen zu den schwersten regelmäßig zu bewegenden medizinischen Geräten. Ihr Transport wird von Pflegekräften häufig als körperlich belastend wahrgenommen und steht in Zusammenhang mit einer erhöhten Prävalenz muskuloskelettaler Beschwerden. Zur Reduktion dieser Belastung wurden motorisierte Bed Mover entwickelt, die je nach Modell per Deichsel, Joystick im Gehen oder Joystick auf einer Plattform gesteuert werden. In dieser Studie wurde die Muskelaktivität beim manuellen Bewegen eines Betts sowie beim Einsatz von fünf verschiedenen Bed Movern untersucht. Zehn Pflegekräfte absolvierten einen 200 m langen Parcours mit mehreren Kurven und einer Rampe jeweils dreimal. Die Muskelaktivität von M. deltoideus anterior, M. trapezius pars descendens, M. latissimus dorsi und M. erector spinae wurde per EMG aufgezeichnet und auf MVIC normiert. Alle Systeme führten zu einer signifikanten Reduktion der Muskelaktivität. Die stärkste Entlastung wurde beim Plattformsystem beobachtet, während die Deichsel zu asymmetrischen Belastungen führte. Unterschiede in der Bedienung wirkten sich auf die Beanspruchung einzelner Muskelgruppen aus. Zukünftige Studien sollten alltagsnähere Aufgaben wie Patiententransporte oder das Navigieren in engen Räumen berücksichtigen.
17:20 Uhr
Sind Kühlwesten für Beschäftigte im Gesundheitswesen geeignet?
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Autor:in:
Chris Schröer | FH Münster | Germany
Hitzewellen werden auch in Deutschland zunehmend zum Problem und belasten die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften und medizinischem Personal erheblich. Neben steigenden Patientenzahlen durch hitzebedingte Erkrankungen erschwert das Tragen persönlicher Schutzausrüstung die Tätigkeit bei hohen Temperaturen und erhöht das Risiko einer Überhitzung. Kühlwesten stellen eine potenziell kostengünstige Maßnahme zur Entlastung dar. Ziel der Untersuchung war es, zehn Kühlwesten hinsichtlich ihrer Eignung für den Einsatz im Gesundheitswesen zu bewerten.
Elf Pflegekräfte testeten die Westen im Rahmen standardisierter Pflegetätigkeiten (z. B. Aktivierung, Tragen unter dem Kasack, Mobilisation einer Patientenpuppe) in einem simulierten Patientenzimmer bei 30 °C. Die Bewertung erfolgte mithilfe standardisierter Fragebögen und wurde durch eine Expertenbegutachtung ergänzt.
Kühlwesten werden dann positiv bewertet, wenn sie sich schnell und unkompliziert aktivieren lassen, sofort einsatzbereit sind und sich ohne zusätzlichen Aufwand in den Pflegealltag integrieren lassen. Ein hoher Tragekomfort, eine gute Passform und ausreichende Bewegungsfreiheit erhöhen die Akzeptanz. Westen mit aufwendiger Vorbereitung, komplexer Handhabung oder hohem Platzbedarf schneiden dagegen tendenziell schlechter ab – besonders, wenn sie den Arbeitsablauf stören oder schwer zu reinigen sind.
17:35 Uhr
Sind Venenverweilkanülen mit Sicherheitsmechanismus wirklich sicher?
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Autor:in:
Hendrik Ludewig | FH Münster | Germany
Trotz verpflichtender Sicherheitsmechanismen bei Venenverweilkanülen kommt es weiterhin zu Nadelstichverletzungen beim Legen peripher venöser Zugänge. BGW test untersuchte systematisch, wie gut sich diese Sicherheitsmechanismen in der Praxis handhaben lassen. In einem standardisierten Usability-Test mit 44 medizinischen Fachkräften und ergänzender Expertenbewertung wurden Sicherheit, Handhabbarkeit und Nutzerzufriedenheit bewertet.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Produkten. Besonders kritisch: bei aktiven Sicherheitsmechanismen lag der Anteil der Erfolgreichen Anwendungen nur bei durchschnittlich 28 %, während passive Systeme in 96 % der Fälle zuverlässig auslösten. Auch bei Verpackung, Fixierung und Entsorgung traten wiederholt Anwendungsprobleme auf. Solche Schwächen erhöhen das Risiko für Nadelstichverletzungen und beeinträchtigen den Arbeitsfluss.
Die Untersuchung liefert Hinweise, welche Produkte die sichere und effiziente Anwendung unterstützen. Für Einrichtungen bieten die Resultate eine praxisnahe Entscheidungshilfe bei der Produktauswahl. Vor dem Kauf sollten Venenverweilkanülen vor Ort getestet werden. Produkte mit passiven Sicherheitsmechanismen sind dabei zu bevorzugen.
17:50 Uhr
Zusammenfassung und Verabschiedung
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Autor:in:
Lorenz Müller | Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) | Germany
Am Ende der Session werden die zentralen Erkenntnisse aus den Produkttests zusammengefasst.
Im anschließenden Austausch sind die Teilnehmenden eingeladen, Fragen zu stellen und eigene Erfahrungen zu den getesteten Produkten, den Auswirkungen schlechter Produktgestaltung im Arbeitsalltag sowie zur Bedeutung geeigneter Beschaffungsprozesse einzubringen.